USA als neue Schweiz

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Einige Vermögensverwalter nennen die USA bereits „die neue Schweiz“, andere sprechen von einer „krassen Scheinheiligkeit“ in Sachen Steuermoral.

Beide Meinungen haben ihre Berechtigung.

Nachdem die USA andere Länder – allen voran die Schweiz – jahrelang wegen ­anonymer Bankkonten bestürmt haben, kehren sie nun den Spiess um. Immer mehr US-Bundesstaaten ziehen reiche Ausländer an und sichern ihnen den Schutz vor der Offenlegung der Vermögen zu.

Mindestens 95% der Gelder sind gemäss Insiderangaben unversteuert. Die USA spielen einen Konkurrenzvorteil gegenüber anderen Finanzplätzen aus, die so dumm waren, sich im Kampf gegen die Steuerflucht zum automatischen Informationsaustausch – AIA – der OECD über Bankkunden verpflichtet zu lassen.

Die Entwicklung der USA hin zu einer der grössten Steueroasen der Welt sorgt in Fachkreisen zunehmend für Aufsehen und harsche Kritik.

Denn 2016 ist ein wichtiges Jahr. Im Januar begann in den ersten Ländern wie Liechtenstein die Umsetzung neuer, verschärfter Regeln zum internationalen Austausch von Bankkundendaten. Auch die Schweiz hat sich ­verpflichtet, den von der OECD entwickelten Standard zu übernehmen, beginnt aber erst 2017 mit der Datensammlung, die sie dann ab 2018 alljährlich übermitteln will.

Nicht so die USA. Sie stehen abseits und verschaffen sich so einen Konkurrenzvorteil als Steueroase. Die unabhängigen Experten des Tax ­Justice Network verfolgen den Trend mit wachsender Sorge. Im neuen Länder­bericht stehen die USA bereits auf Platz drei der grössten Steueroasen. Gleich hinter der Schweiz und Hongkong.

Die neueste Avance gegenüber reichen Ausländern mit mutmasslich hinterzogenen Geldern sei aber

„eine besonders hinterhältige Ergänzung“

zum bereits bestehenden Instrumentarium der USA, kritisiert das Tax Justice Network.

Ausländer in den USA gründen jährlich gegen zwei Millionen anonyme Gesellschaften, ohne dass die wahre Identität der Nutzniesser je erhoben würde. Staaten wie Delaware und Pennsylvania haben solche Briefkastenfirmen zu einem Kerngeschäft gemacht.

Ihre Beihilfe zum Verstecken von Steuerflucht und kriminellen Geldern ist noch nie sanktioniert worden.

Beim neuesten Eroberungszug auf Auslandskunden geht es um ein halbes Dutzend Bundesstaaten, die in den letzten drei Jahren die Bildung von Trusts durch Ausländer erleichtert haben.

Sie werden formell von einem US-Stiftungsverwalter geführt und entgehen so dem strikten OECD-Standard der Offenlegung.

Nevada, South Dakota und Wyoming haben eine führende Rolle übernommen.

Auch New Hampshire und Alaska sind dabei, sich als Offshoreplätze zu etablieren. Der ­Effekt ist klar ersichtlich:

„In vieler Hinsicht können nun die USA – und insbesondere Nevada – in ähnlicher Weise benutzt werden wie bis anhin die Cayman- oder Kanalinseln“,

erklärt Andrew Penney, Chef der Vermögensplanung der Privatbank Rothschild.

Die Bank gründete 2013 in Nevada einen spezifischen US-Trust mit der erklärten Absicht, das zuvor in anderen Offshoreregionen parkierte Auslandvermögen anzuziehen.

Dass Trusts in den USA auch legalen Zwecken dienen, ist unbestritten. So wie auch Stiftungen und andere steuerbefreite Anlagevehikel in der Schweiz, Panama oder der Karibik erst einmal legal sind.

Eine Offen­legung von Kontendaten gibt es nicht. Diesen Schutz der Privatsphäre sichern die US-Bundestaaten den reichen Kunden zu.

Die Regierung Obama hat offiziell zugesichert, beim vollen und automatischen Informationsaustausch mitzumachen – als engagierter Zuschauer aber tatsächlich nur. Konkret steht das Land – mit exotischen Finanzzentren wie Bahrain und Vanuatu Hand in Hand vereint – dem OECD-Abkommen ablehnend gegenüber. Erklärt wird dies durch den – den Domokraten hochwillkommenen – Widerstand im Kongress, und dass man mit dem Fatca-Vertrag bereits ein Informationsabkommen zur Hand habe.

Die Bankenlobby hat den republikanischen Kongress im Griff. Daran dürfte sich auch nach den Wahlen im Herbst nichts ändern.

Mit anderen Worten: Mit einer fort­gesetzten Opposition gegen den vollen Informationsaustausch ist beim US-Gesetzgeber zu rechnen, alles andere wäre naiv.

Die USA sind mit dem Status quo mehr als zufrieden. Sie haben von der Schweiz und anderen Staaten bereits alles erhalten, was sie erhalten konnten. Neue Regeln bringen ihnen keinen Vorteil mehr.

Die Blockierung des vollen Datenaustausches

„ist ein starker Wachstumsmotor für unser Geschäft“,

bestätigt beispielsweise die Bolton Global Capital, eine ­internationale Vermögensverwaltungsfirma. Wegen des bevorstehenden OECD-Standards habe

„der Exodus ­speziell aus der Schweiz begonnen“,

erklärte Firmenchef Ray Grenier der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Wie viele Gelder aus der Schweiz in den USA ­gelandet sind, ist nicht bekannt.

„Der grosse Zufluss wird erst im Laufe dieses Jahres 2016 einsetzen“,

sagt Fachanwalt Cotorceanu.

„Die Kunden beginnen erst langsam zu begreifen, dass der internationale Datenaustausch greifen wird.“

Das allerdings nur in den Staaten, die den OECD-Unsinn mitmachen.