Neue Waffen

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Frankreichs Präsident François Holland hat die Anschläge in Paris als einen „kriegerischen Akt“ einer Terrorarmee gebrandmarkt.

Kriege galten bisher als Monopol von Nationalstaaten. Das ist aber offensichtlich nicht mehr länger der Fall. Terroristen wurden früher als „Banden“ bezeichnet. Heute nicht mehr.

Bei dem Angriff auf einen jüdischen Supermarkt im Januar in Paris einen Tag nach dem Anschlag auf “Charlie Hebdo” war der IS Inspirator, nicht Organisator oder Befehlsgeber der Attacken von radikalisierten Einzeltätern gewesen.

Das ist am Schwarzen Freitag von Paris anders gewesen. Der IS versucht, den Krieg in die Länder zu tragen, die in Syrien und im Irak gegen ihn kämpfen. Ausserdem will er seine Reichweite vergrössern und “Soldaten des Kalifats” in westeuropäische Staaten und auch nach Russland schicken.

  • Der IS wandelt sich damit zu einem Hybrid aus paramilitärischen Milizen, die in Ländern des Nahen Ostens kämpfen,
  • und einer überregionalen bis weltweiten Organisation, die sich Terrortaktiken und loser Zellenstrukturen bedient.

Das 21. Jahrhundert hat uns neue Formen des Krieges und neue Gegner beschert. Auch die dabei benutzten Waffen, die so viele Menschen das Leben gekostet haben, sind neu:

1.

Selbst gebastelte Sprengstoffladungen, Drohnen, Cyberattacken im Internet und Selbstmordattentäter sind heute die üblichen Waffen mit der größten Zerstörungskraft.

Selbstmordattacken sind nicht neu. Im Zweiten Weltkrieg stürzten sich auf japanischer Seite ungefähr 3.860 Kamikaze-Piloten mit ihren Flugzeugen auf die Schiffe ihrer Gegner. Nur 19% dieser Angriffe waren erfolgreich. Seit 1981 hat es hingegen 4.620 Selbstmordanschläge gegeben, die mehr als 45.000 Menschenleben gefordert haben. Zu dieser Zahl kommen jetzt die Opfer vom Wochenende in Paris hinzu.

2.

Eine andere Waffe mit einer ähnlichen Zerstörungskraft sind die sogenannten „IED“ („improvised explosive devices“). Dabei handelt es sich um selbst gebastelte Bomben, die oft auf öffentlichen Plätzen ferngesteuert durch ein Mobiltelefon oder sogar durch einen Garagenöffner gezündet werden. Das sind im Grunde handgefertigte Landminen. Landminen gehören schon seit langer Zeit zum Waffenarsenal des Krieges. Während sie im Zweiten Weltkrieg nur für etwa fünf Prozent aller Opfer auf amerikanischer Seite verantwortlich waren, forderten sie in den Kriegen im Irak und Afghanistan die meisten Menschenleben unter den Soldaten. Seit einiger Zeit werden die IEDs nicht nur als herkömmliche Landmine genutzt, sondern Selbstmordattentäter schnallen sich die Bomben als Sprengstoffgürtel um den Körper und richten damit enorme Schäden an. Auch in Paris kamen diese tödlichen Waffen zum Einsatz.

3.

Eine weitere Waffe, die den Charakter des Krieges im 21. Jahrhundert verändert, sind ferngesteuerte Drohnen. Viele Anführer von al-Qaida, den Taliban und dem Islamischen Staat sind durch Raketen getötet worden, die von Drohnen abgefeuert wurden. Bislang nutzt vor allem die militärische Supermacht USA diese Technologie. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch Terroristen bewaffnete Drohnen für ihre Attacken einsetzen. Die Kombination von selbst gebastelten Bomben und ferngesteuerten Drohnen gibt den Terroristen eine mächtige neue Waffe in die Hand.

4.

Es besteht auch ein Risiko durch chemische und biologische Waffen.
Die französische Regierung trifft seit 19. November Vorkehrungen zur Abwehr eines Terrorangriffs mit chemischen Kampfmitteln. Das geht aus einem Erlass des Gesundheitsministeriums hervor, der im offiziellen Gesetzblatt veröffentlicht wurde. Darin werde der Ankauf, die Lagerung, Verteilung und Verschreibung von Atropinsulfat in großem Umfang gefordert. Das berichtet die Zeitung “Le Figaro”. Das eigentlich toxische Mittel wird nur vom Zentrallabor der Streitkräfte hergestellt. Es kann bei Kampfstoffangriffen – wie etwa mit Saringas – Betroffenen in hohen Dosen als Gegengift verabreicht werden. Artikel 2 des Dekretes gibt die Anweisung an die Gesundheitsabteilung der Armee, die zuständige Verwaltung präventiv zu versorgen, damit das Gegengift den “Dienststellen für Notfallmedizin zur Verfügung steht”.

Der Erlass wird begründet mit der Gefahr durch Attentate auf die bevorstehende Weltklimakonferenz COP 21, die Anfang Dezember in Paris stattfinden soll. Wegen des Risikos durch Terroranschläge stünden “schwere gesundheitliche Bedrohungen” zu befürchten, die “Notfallmaßnahmen nötig machen”, heißt es weiter.

5.

Der Krieg im 21. Jahrhundert findet aber auch im Internet statt. Heute verfügt fast jede Militärmacht über Mittel, sich gegen Cyberattacken zu verteidigen oder selbst andere Nationen online anzugreifen. Auch Terroristen nutzen das Internet, um ihre Attacken zu koordinieren, zu finanzieren und durch Propaganda neue Anhänger zu gewinnen.

Was haben diese vier neuen disruptiven Waffen des Krieges gemeinsam?

Das Wichtigste:

Regierungen und ihre Militärs haben kein Monopol mehr darauf.

In der Vergangenheit haben Staaten und ihre Streitkräfte die tödlichsten Waffen kontrolliert. Das ist heute nicht mehr der Fall. Eine Drohne kann man online bestellen, und die Bauanleitung für die dazu passende Bombe findet sich ebenfalls im Internet. Terroristen bringen darüber hinaus ihre Anhänger dazu, sich in Selbstmordanschlägen zu opfern. Eine Waffe, die modernen Demokratien nicht zur Verfügung steht.

Der Krieg ist also nicht länger die Domäne von Staaten und Regierungen alleine. So wie neue Technologien den Alltag der Menschen revolutionieren, indem sie etwa die Art und Weise verändern, wie wir ein Taxi oder ein Hotelzimmer für die Nacht buchen, so verändert die Kombination von Technik, neuen Strategien und Organisationsformen des Terrorismus die Natur des Krieges von Grund auf.