Test der Resilienz

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Keine Debatte über Sicherheitspolitik der vergangenen Jahre kam ohne dieses sperrige Wort aus:

Resilienz.

Der Begriff lässt sich am ehesten mit Krisenfestigkeit oder Widerstandskraft übersetzen. Resilienz ist ein Gradmesser dafür, ob und wie Gesellschaften kritische Situationen meistern – und zwar technologisch, sozial und ökonomisch. Die Coronavirus-Pandemie demonstriert derzeit, wie weit her es mit der Krisenfestigkeit von Ländern vor allem in Europa ist.

Pandemien spielen in den Planspielen der Krisenmanager seit je eine grosse Rolle.

Das Global Preparedness Monitoring Board der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte vergangenen Herbst von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet einen Bericht vor, in dem dramatische Szenarien gezeichnet werden:

Die Welt stehe vor der realen Bedrohung durch eine hochansteckende, tödliche Pandemie durch eine Atemwegserkrankung, die 50 bis 80 Millionen Menschen töten und 5% der Weltwirtschaftsleistung auslöschen könnte, heisst es darin. Vorbereitet sei kaum ein Land auf solch ein Szenario, das von einer geheimnisvollen «Disease X» ausgelöst werden könnte.

Kein theoretischer Stresstest

Tatsächlich hat es in den vergangenen Jahren in Deutschland, Österreich, der Schweiz und europaweit zahlreiche Übungen mit der Annahme von Pandemiefällen gegeben. Die nun grassierenden Covid-19-Erkrankungen allerdings seien nicht mehr ein theoretisch angenommener Stresstest, sagt Andrin Hauri vom Center for Security Studies der ETH Zürich, sondern

“ein reeller Test, der die Planungen der vergangenen Jahre auf die Probe stellt.”

Die in den Planspielen trainierten System-Faktoren Robustheit und Agilität ( = Lernfähigkeit) sind nun im Ernstfall gefragt. Gesellschaftliche Strukturen müssen sich im Notfall selbst fangen können und nach einem Notfall besser dastehen als vorher. Die Krisenfestigkeit eines Staates werde tatsächlich erst dann auf eine echte Probe gestellt, wenn das staatliche Notfallpersonal in Krankenhäusern oder bei den Sicherheitskräften auszufallen beginnt. Selbst in Italien sei das derzeit aber noch nicht der Fall.

Ganz generell hänge die Resilienz von Gesellschaften davon ab, wie obrigkeitshörig die Menschen seien:

  • Die Amerikaner seien am widerstandsfähigsten. Sie hätten zwar einen Staat, aber sie regelten ihre Angelegenheiten lieber selber.
  • In der Mitte lägen die Deutschen. Sie vertrauten dem Staat, wollten aber dessen Massnahmen erklärt bekommen.
  • Am wenigsten krisenfest seien die Chinesen. Sie seien gezwungenermassen obrigkeitshörig, hätten sich aber gleichzeitig das selbständige Denken abgewöhnt.

 

Dritte Phase mit Ausgangssperren

In Sachen technische Resilienz ist eine Pandemie laut dem Kieler Krisenforscher Roselieb der beste anzunehmende Ernstfall. Die Belastungen für die technischen Systeme seien viel geringer als bei einem plötzlich auftretenden Grossschadenereignis. Und der Mangel an Akutbetten und Beatmungsgeräten in Italien? Den erklärt Roselieb mit der italienischen Tendenz, Patienten viel eher zu hospitalisieren, als dies etwa in Deutschland der Fall ist.

Ausschlaggebend für die Krisenfestigkeit von Staaten in Pandemielagen ist gemäss allen Experten der Zeitfaktor. Wird die Infektionswelle gebremst, dann ist die Resilienz von Gesellschaften nicht in Gefahr. Auf diese Bremse stiegen nun mehr und mehr europäische Staaten, sagt Roselieb:

  • Phase 1 mit dem Verbot von Grossveranstaltung sei bereits in vielen Ländern aktiviert.
  • Phase 2 mit Schulschliessungen und grösseren Einschränkungen des Soziallebens laufe derzeit an.
  • Phase 3 mit Ausgangssperren und einem Erliegen der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten sei bisher nur in Italien aktiviert.

 

Roselieb:

“In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden wir – spätestens – Ende kommender Woche in Phase 3 eintreten. Dann gibt es lange Osterferien, und Mitte bis Ende Mai ist die Seuche vergeben und vergessen.”

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