Systemkollaps der Spätbronzezeit

Download PDF

Mehr als 300 Jahre, angefangen mit der Herrschaft der ägyptischen Pharaonin Hatschepsut (ca. 1500 v. Chr.) bis zum Zusammenbruch nach 1200 v.Chr., war der Mittelmeerraum der späten Bronzezeit Schauplatz einer komplexen internationalisierten Welt, in der Minoer, Mykener, Hethiter, Assyrer, Babylonier, Mitanni, Kanaaniter, Zyprer und Ägypter miteinander interagierten. Es war eine kosmopolitische und globalisierte Welt, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bis heute nur selten gegeben hat.

Das alles waren hoch entwickelte Zivilisationen. Es bestand ein Netz von See- und Handelswegen, eine grosse Wirtschaftsverflechtung zwischen hochentwickelten Staatswesen wie Mykene (Peloponnes), Troja, Milet (heutige Türkei), Assyrien, Ugarit (heute Syrien), Alasija (Zypern) mit seinen grossen Metallvorkommen wie Kupfererz, das Land der Hethiter in Anatolien, die die Fertigung des Eisens erfunden hatten, und Ägypten bis zur Zeit Ramses III.

Der Zusammenbruch kam nicht plötzlich. In vielen Jahren rottete sich da was zusammen, was heute vereinfachend als “die Seevölker” bezeichnet wird. Das war kein bestimmtes, klar zu definierendes Volk. Das war eine Zusammenrottung verschiedenster Gruppen. Die Seevölker entstammten ganz unterschiedlichen Regionen und Kulturen, was zwischenzeitlich archäologisch nachgewiesen ist.

Die Verheissungen dieser aus der Migrantensicht paradiesischen Welt der Spätbronzezeit waren einfach zu verlockend. Da wollte man hin, da wollte man teilhaben – wie auch immer.

Die Eindringlinge kamen in Wellen und über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg, etwa 50 Jahre lang. Sizilien und Sardinien, also Italien, konnten als Herkunftsorte identifiziert werden, ebenso die Ägäisregion und Westanatolien. Zu den Seevölkern, die in der Ramses Stele von Medinet Habu ausdrücklich benannt werden, gehörten auch die “Peleset”. Es herrscht zwischenzeitlich so gut wie übereinstimmend die Ansicht, das dieser Teil mit den “Philistern” identisch ist, also aus Kreta stammte und Überbleibsel der Minoer waren, allerdings wohl eher einer bescheidenen Unterschichtskultur angehörten. Auf der Ramses-Stele von Medinet Habu wird u.a. berichtet:

“Kein Land hielt ihren Armeen stand. … Während die Flamme vor Ihnen bereitet wurde, kamen sie vorwärts gegen Ägypten.”

Ramses III war noch in der Lage, die Seevölker in einer grossen Schlacht im Jahr 1166 v. Chr. zu bezwingen. Aber grosse Teile der Seevölker siedelten sich dann in Ägypten an, wurden in Garnisonen im Nildelta sogar gezielt angesiedelt unmittelbar nach ihrer Niederlage in der Schlacht. Auch anderswo siedelten sie sich an und veränderten damit die Kultur, das Wesen der einheimischen Bevölkerung. Es gab spätestens seit diesem Augenblick ein

Migrantenproblem.

Der Nachfolger von Ramses dem Grossen, Merenptah, hatte schon 1207 eine erste Schlacht gegen die Seevölker zu schlagen, die zusammen mit den Libyern Ägypten angriffen, also einem Nachbarn, mit dem man eigentlich immer verfeindet war. Es wirkten Migranten und Einheimische gegen einen definierten gemeinsamen Feind zusammen. Merenptah war seinerzeit noch erfolgreich gewesen bei der Abwehr. Nach Ramses III. aber setzten sich die in der grossen Schlacht im Nildelta geschlagenen Migranten in der Grossregion fest und wirkten damit im Ergebnis weitflächig zersetzend.

Es hat sich in den Hochkulturen der Spätbronzezeit Ungutes zusammengebraut. Fremde mischten sich mit rebellischen Einheimischen und trugen entscheidend dazu bei, die Hochkulturen zu zersetzen.

Das 12. Jahrhundert markierte schliesslich das Ende der über 300 Jahre währenden globalisierten Wirtschaft.

Blicken wir auf die Stadt und das

Königreich Ugarit

an der Küste des heutigen Nordsyriens. Die Ausgräber haben dort die Überreste einer funktionierenden, geschäftigen und wohlhabenden Handelsstadt samt seinem Hafen entdeckt. Anfang des 12. Jahrhunderts wurde alles zerstört und dann verlassen.

Aus gefundenen ugaritischen Schriftdokumenten ist viel über den Alltag bekannt geworden. Händler sind namentlich bekannt, die in der Zeit des Untergangs bis in die allerletzten Tage wirkten. Bis zum Untergang, quasi bis zum letzten Tag, wurde also reger Handel betrieben.

Die Stadt bildete einen internationalen Knotenpunkt, den Hafen steuerten Schiffe vieler unterschiedlicher Nationen an. Zunächst war Ugarit ein Verbündeter Ägyptens, später ein Vasall der Hethiter. Das alles tat dem regen Handel nie einen Abbruch.

Der Untergang, die Zerstörung erfolgte zwischen 1166 und 1185 v. Chr. Es war eine kriegerische Zerstörung, mit Sicherheit kein Erdbeben. Es könnten die Migranten der Seevölker gewesen sein, es gab aber auch Rebellionen der einheimischen Bevölkerung in dieser Zeit, die zu den Turbulenzen am Ende der Spätbronzezeit beigetragen haben. Wir wissen nicht, wer die Zerstörer wirklich waren.

Blicken wir aber hilfsweise nach Hazor in Kanaan. Archäologisch ist nachgewiesen, dass die Stadt nicht im Rahmen von kriegerischer Auseiandersetzung zerstört worden sein kann, insbesondere nicht von den Israeliten. Es waren augenscheinlich interne Konflikte, die sich aufgeschaukelt hatten und die zuletzt darin gipfelten, dass im Rahmen der internen Auseinandersetzungen ein Angriff der eigenen Bevölkerung auf die politischen und religiösen Zentren der städtischen Elite einmündete.

Das geschah nicht nur in Kanaan, das geschah auch in mykenischen Palastzentren. In vielen Zivilisationen kam es dort seinerzeit zu Rebellionen. Allerdings erholten sich diese Orte oft auch wieder.

Bei einer Aufzählung von Ereignissen, die zu Rebellionen geführt haben könnten, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass internationale Handelswege – vielleicht durch “Seevölker” – unterbrochen worden sein könnten. Empfindliche Volkswirtschaften könnte das elementar getroffen haben, insbesondere wenn man von ausländischen Rohstoffen abhängig war. Die strategische Bedeutung von Zinn in dieser Zeit lässt sich mit der Wichtigkeit von Rohöl oder Gas heutzutage vergleichen.

Kommen wir zurück nach Ugarit.

Ein in Ugarit gefundener Brief, stammend wahrscheinich vom Vizekönig der Hethiter in Karkemis, rät dem König von Ugarit:

“Du hast mir geschrieben, feindliche Schiffe wurden auf See gesichtet … Du musst hart bleiben!…”

Auch der Statthalter von Zypern (Alasija) äussert sich zum aktuellen Problem des nahegelegenen Ugarit. Esuwara schreibt in diesem Zusammenhang, er selbst sei nicht verantwortlich für die Schäden in Ugarit oder verantwortlich für die Verletzung ugaritischen Hoheitsgebietes durch seine Schiffe. Er behauptet im Gegenteil, es handele sich hierbei gar nicht um ausländische Schiffe, sonden um solche aus Ugarit selbst. Ugariter würden die Greueltaten selbst begehen:

“Hinsichtlich Deiner Feinde: (Es waren) die Menschen aus Deinem Land, (die) diese Übergriffe begingen. … Ich schreibe, um Dich zu informieren und Dich zu beschützen. Sei vorsichtig!”

Hinzufügen tut er noch, es hätte auch 20 feindliche Schiffe gegeben, diese seien aber in unbekannte Richtung fortgesegelt.

Dann wurde Ugarit zerstört.

Dass Ugarit und andere spätbronzezeitliche Städte der Levante mit ähnlichem Schicksal sich nicht erholten, dass die Menschen nach der Katastrophe nicht mehr zurückkehrten, muss triftigere Gründe gehabt haben als eine blosse Zerstörung durch feindliche Übergriffe.

Die “Macht der Paläste” und ihrer Netzwerke befand sich in einem Zustand der Erosion. Man wandte Mittel an, der Erosion entgegenzuwirken, die man aber damit nur verzögern konnte. Die Instrumentarien:

  • Aufstände werden niedergeschlagen;
  • Rohstoffe werden gefunden, neue Märkte werden erschlossen;
  • Preiskontrollen werden eingeführt;
  • das Eigentum von Kaufleuten wird beschlagnahmt;
  • Embargos werden verhängt;
  • Kriege werden geführt.

 

Herrscher behandeln halt in der Regel nur die Symptome der Instabilität und nicht die Ursachen. Die Zerstörung der spätbronzezeitlichen Palastzivilisation war die Folge von eingeschränkter Weitsicht.

Wir hatten es damals – und nicht nur damals – mit dem Phänomen der “Hyperkohärenz” zu tun. Dieses Phänomen tritt auf, wenn alle Teile des Systems so sehr voneinander abhängig sind, dass jede Veränderung in einem Teil die Stabilität des gesamten Systems beeinträchtigt. Wenn die spärbronzezeitlichen Kulturen auch nur zu einem gewissen Grad globalisiert und hinsichtlich von Waren und Dienstleistungen voneinander abhängig waren, hätten Veränderungen in nur einem der betreffenden Königreiche wie demjenigen der Mykener oder der Hethiter möglicherweise alle anderen beeinflusst und destabilisiert. Das gilt vor allem deshalb, weil die spätbronzezeitlichen Königreiche, Imperien und Gesellschaften der Ägäis und des östlichen Mitelmeerraums als individuelle soziopolitische Systeme zu definieren sind. Solche komplexen sozio-politischen Systeme weisen eine innere Dynamik auf, die zu einer gesteigerten Komplexität führt. Aber je komplexer ein System ist, desto wahrscheinlicher ist sein Zusammenbruch.

Alles in diesem Raum und zu dieser Zeit wurde mit den Jahren immer komplexer, die Kulturen wurden damit immer anfälliger für den Kollaps. Die Handelsnetzwerke waren komplexe Systeme, deren einzelne Elemente voneinander abhängig waren und zugleich vielschichtige Wechselbeziehungen zueinander aufwiesen. Sobald es in einem ihrer integralen Bestandteile zu einer Veränderung kam, wurden diese Netzwerke zwangsläufig instabil.

Ein Rädchen läuft nicht mehr rund und damit verwandelt sich das gesamte ansonsten gut gewartete Räderwerk in einen grossen Haufen Schrott.

Eine weitere Folge einer solchen Instabilität ist, dass das komplexe System nach dem Zusammenbruch in kleinere Einheiten zerfällt. Tatsächlich:

Die alten zentralistischen politisch-ökonomischen Systeme der Bronzezeit wurden abgelöst durch neue dezentralisierte Wirtschaftssysteme der Eisenzeit.

Die Imperien und Königreiche, die den internationalen Handel kontrolliert hatten, verschwanden und wurden ersetzt durch kleine Stadtstaaten und damit durch Einzelpersonen, die auf eigene Rechnung Handel betrieben.

Die Migranten der Seevölker brachten eine wesentliche Entwicklung als einer von mehreren Katalysatoren in Gang, die der Planwirtschaft der Paläste ein Ende setzte. Klaus Kilian, der Ausgräber von Tiryns, vertritt diese Auffassung ebenfalls:

“Nach dem Untergang der mykenischen Paläste, als man in Griechenland die Privatwirtschaft einführte, bestanden die Kontakte zum Ausland fort. Das gut organisierte Palastsystem wurde von kleineren lokalen Herrschern abgelöst, die sicherlich über eine weniger expansive Wirtschaftskraft verfügten.”

Es dauerte tatsächlich mehrere Jahrzehnte – an manchen Orten mehrere Jahrhunderte – bis die Bewohner der betreffenden Regionen ihre Gesellschaft wieder aufgebaut hatten und wieder aus dem Dunkel der Geschichte heraustraten.
Die Zerstörung des Palastes des Nestor etwa 1180 v. Chr. war so verheerend, dass sich weder der Palast noch die Gemeinde davon erholten. Das gesamte Gebiet des mykenischen Königreiches Pylos blieb fast 1000 Jahre nahezu komplett entvölkert.

Schreiben Sie einen Kommentar