Systemcrash

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Systemcrash ist mehr als

  • Crash an den Börsen,
  • Bankenpleiten,
  • wirtschaftliche Stagnation,
  • Staatspleiten,
  • Handelskriege,
  • Übernahme von Arbeitsplätzen durch Roboter,

 

Wie schon im Vorfeld der Finanzkrise von 2008 die Risse im System der Finanzwelt erkennbar waren,

werden sie heute in der Gesellschaft und im Allgemeinen

sichtbar.

Die Medien ziehen vor, darüber nicht zu berichten.

  • Damals weigerten sich Finanzjournalisten zur Kenntnis zu nehmen, dass der US-Immobilienmarkt sich ganz offensichtlich zu einem Schneeballsystem entwickelt hatte, das vor dem Kollaps stand. Alle derartigen Hinweise wurden als Verschwörungstheorien diffamiert. Experten, die vor dem Kommenden warnten, wurden als Ignoranten belächelt.
  • Und heute wiederholt sich dieses Schema. Die Medien sind unfähig, über die komplexen Probleme zu informieren, und verbreiten weiter die hehre Idee von der friedlichen multikulturellen Gesellschaft und immer noch freien globalen Märkten (Friede, Freude, Eierkuchen), während die, die abweichende Meinungen vertreten, zu Extremisten und Populisten gestempelt werden.

 

Die ganze Welt befindet sich im Umbruch – wir vermuten:

Es droht der Kollaps des gesamten Systems

  1. Die Bevölkerungen Ostasiens und Europas haben ihren numerischen Zenit erreicht, von nun an wird ihre Zahl abnehmen.
  2. China und Russland haben wieder die Positionen auf der Weltbühne zurückgewonnen, die ihnen ganz natürlich und aus historischer Sicht zustehen.
  3. Die Türkei beruft sich in ihren politischen Zielen wieder auf das Ottomanische Reich und möchte ihren Einfluss auf den Mittleren Osten, den Balkan und Afrika ausweiten.
  4. Europa und die USA befinden sich in einem Prozess des Verfalls.
  5. In den Niederlanden, Deutschland und Frankreich finden die Sicherheitskräfte, also Polizei und Armee, keine Bewerber für ihre freien Stellen mehr, weil niemand dort arbeiten möchte – und ausserdem die Bevölkerung abnimmt.
  6. Die Nato entwickelt sich hin zu einer leeren Hülle.
  7. Das Schengen-Übereinkommen ist tot und Grenzkontrollen werden quer durch die EU wieder eingeführt.
  8. Der Brexit ist eine Tatsache.
  9. Ungarn und Polen gehen auf Distanz von der in Brüssel gemachten Politik.
  10. Die europäischen Volkswirtschaften bewegen sich langsam aber sicher wieder in Richtung einer neuen Rezession, was eine neue Eurokrise auslösen könnte.
  11. Die westlichen Gesellschaften werden in kleine Gemeinschaften zerfallen, die nichts gemeinsam verbindet, die sich im Gegenteil sogar feindlich gegenüberstehen könnten.

Das britische Referendum über den Austritt aus der Europäischen Union, der Sieg Donald Trumps, die Implosion des klassischen Parteiensystems in Frankreich, der Durchbruch der AfD in Deutschland, die neue Regierungskoalition in Italien, politische Blockaden in den Niederlanden, in Belgien, in Skandinavien oder Spanien – allenthalben verstärkte sich in kurzer Zeit eine Dynamik, die eine extreme Polarisierung der Gesellschaft ankündigt.

Die Nationen des Westens spalten sich in zwei Welten: oben und unten, wohlhabend und bedürftig, selbstzufrieden und unglücklich, kosmopolitisch und bodenständig, mobil und sesshaft, progressiv, aufgeschlossen und – da ist er, der hässliche Kampfbegriff, um den man nicht herumkommt:

populistisch.

Der Populismus ist das, was jahrzehntelang das Proletariat war, Bedrohung für die einen, Verheißung für die anderen. Es ist ein Kulturkampf.

Insbesondere in Frankreich wird exemplarisch deutlich, wie sich zwei Seiten gegenüberstehen, die absolut nichts mehr eint:

  1. Auf der einen Seite die Metropolen, glitzernde Schaufenster der Globalisierung und ihres Zwillingsbruders, des Multikulturalismus, wo die neue Bourgeoisie und eine bunte Vielfalt von Migranten nebeneinander leben.
  2. Auf der anderen Seite die Peripherie der kleinen und mittleren Städte, der alten Industriegebiete und entlegenen ländlichen Regionen. In ihr konzentrieren sich soziale Kategorien, die früher wenig verband, Arbeiter, einfache Angestellte, subaltern Beschäftigte, Landwirte, kleine Selbstständige, Rentner. Diese sind alle miteinander jetzt plötzlich vereint durch das Gefühl, einer doppelten Unsicherheit ausgesetzt zu sein: finanziell und kulturell. Sie bleiben unsichtbar, von ihnen spricht man nicht, sie leben unter dem ironischen, herablassenden Blick derjenigen, die intellektueller, gebildeter, beweglicher, moderner sind oder sich dafür halten. Aber sie machen in Frankreich, so eine Berechnung des französischen Geografen Christophe Guilluy, gut 60% der Bevölkerung aus.

Von Skandinavien bis zum Mittelmeer, von den USA bis nach Mitteleuropa lassen sich ähnliche Symptome des Umbruchs beobachten. Und ihre Fieberkurve läuft auf die gleiche tödliche Gefahr zu: das Ende der Welt, wie wir sie bisher kannten.

“Der Untergang der westlichen Mittelschicht ist das große schmutzige Geheimnis der Globalisierung”,

sagt Guilluy, und das gilt nicht nur für Frankreich, sondern für den gesamten Westen.

Ohne die Mittelschichten fehlt der “Klebstoff”, der die Gesellschaft zusammenhält. Die Erosion des traditionellen Parteiensystems, das vielfach schon in Zerfall übergegangen ist, ist dafür ein verlässlicher Indikator. Immer öfter bringen Wahlen keine regierungsfähige Mehrheit mehr hervor. Sowohl der traditionellen Konsensdemokratie (Koalitionen in Deutschland) wie auch der Wechseldemokratie (Großbritannien, Frankreich) geht die Puste aus.

Die “Gilets jaunes” haben diesen unsichtbaren, von der Politik weitgehend ausgeblendeten und übersehenen Teil der Bevölkerung in grelles Licht gestellt:

“Ich demonstriere, also bin ich!”

Diese kleinen Leute, diese altmodische, fast schon mythische Kategorie, ohne die in der Demokratie, in der bekanntlich jede Stimme unabhängig vom Einkommen und vom Bildungsabschluss gleich viel zählt, ohne diesen kleinen Leute geht in Wirklichkeit nun einmal nichts.

Sie sind nämlich, was die Oberen immer wieder zu überraschen scheint, die Mehrheit:

Das Volk, der Demos.

Eine Demokratie kann definitionsgemäß nicht ohne das Volk funktionieren.

Wenn der Gegensatz zwischen Populismus und Elitismus unüberbrückbar wird, droht die Auflösung der Gesellschaft. Das Volk fühlt sich nicht mehr repräsentiert, die Eliten verlieren ihre Gestaltungskompetenz.

Diese von den Eliten übersehene Mehrheit verschmilzt allmählich mit den Kreisen, die früher einmal als volkstümlich, heute als populistisch bezeichnet werden. So wird das Volk von den Eliten zum Plebs abgestempelt: uninformiert, unaufgeklärt, irrational und im Grenzfall moralisch verwerflich.

Dieser verletzende Bedeutungsverlust spitzt sich im Streit um die Migration dramatisch zu.
Die Kontrolle der Grenzen und der Zuwanderung ist eine Forderung, die auf überwältigende Zustimmung stößt. Das Meinungsforschungsinstitut Ipsos hat die Haltung der Bevölkerung in 22 Ländern weltweit ergründet und kam zu einem erstaunlichen Befund: Nur 11% der Befragten in Frankreich schrieben der Einwanderung positive Wirkungen auf ihr Land zu, in Deutschland waren es 18%. Rund die Hälfte gab an, man habe bereits zu viele Fremde aufgenommen.

Für die Integration der Migranten ist aber nun einmal die Aufnahmebereitschaft der unteren Schichten entscheidend, denn die Neuankömmlinge wandern nicht in die Oberschicht ein.
Diese verfügt über die Mittel, unsichtbare Grenzen zu ziehen gegen die Migranten. Man schottet sich ab in privilegierten Wohnvierteln und Schulen und propagiert scheinheilig das Ideal der offenen Gesellschaft.

“Die offenen Gesellschaften sind die größten Fake News der letzten Jahrzehnte. … Es gibt im Gegenteil immer stärker abgeschirmte Welten. Paris begreift sich als offene Stadt, aber eine Stadt, in der der Quadratmeter bis zu Euro 10 000 kostet, ist keine offene, sondern eine geschlossene Stadt. Bei einem Einkommen von Euro 1.000 Euro im Monat funktioniert der Multikulturalismus nicht. ”

sagt Guilluy.

Die gelben Westen haben vorgeführt, wie schnell und verheerend die Gewalt auf den Straßen einziehen und die Paläste bedrohen kann.

Das alles geschieht, während sich

weltpolitisches Konfliktpotential

bedrohlich ausweitet

Der SPIEGEL zitierte Ende des Jahres 2018 den griechischen Historiker Thukydides aus dem 5. Jahrhundert vor Christus über den Peloponnesischen Krieg:

“Den wahrsten Grund sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang.”

Befinden sich heute die USA und China in der “Falle des Thukydides”?

Vieles deutet darauf hin, dass die USA und China vor einer gefährlichen Konfrontation stehen könnten, denn ihre wirtschaftlichen, militärischen und politischen Interessen scheinen in der bestehenden Weltordnung nicht mehr miteinander vereinbar zu sein.

Das Aufeinandertreffen von Pekings Aufstreben und Washingtons Sorge um seine Hegemonie selbst im asiatischen Teil des Pazifiks lässt historisch nichts Gutes erwarten.

China arbeitet daran, 2019 ein eindeutig gegen die USA gerichtetes Handelsabkommen mit pazifischen Ländern zu schmieden, nämlich das sog. RCEP-Abkommen, das ca. 45% der Weltbevölkerung und mehr als ein Drittel des Welthandels umfassen würde.

Ausserdem hat Peking noch eine mächtige, gleichsam “nukleare Option”, in der Hinterhand: Den Verkauf seiner US-Staatsanleihen. Die USA seien im Finanzsektor verwundbarer als China, sagt der Ökonom Mei Xinyu vom chinesischen Handelsministerium.

“Insofern ist das natürlich eine Option. … wenn die Zeiten schlechter werden, geht es darum, wer schneller verliert. Das wäre dann ein Finanzkrieg.”

Internationale Verflechtung ist keine Absicherung gegen Krieg, egal ob dieser militärisch mit Waffen geführt wird, im Rahmen des Finanzsystems oder als Cyberwar. Es ist heute weitgehend vergessen, wie sehr die Welt der Belle Époque vor dem Ersten Weltkrieg verflochten war; auch damals meinte man, allein dieser Umstand würde einen grossen Krieg unmöglich machen. Aber die Falle des Thukydides war stärker – das britische Empire wollte den Aufstieg des Deutschen Reiches verhindern und unterstüztzte Frankreichs Bemühen, im Zusammenwirken mit dem Zarenreich Deutschland einzukreisen. Es bedurfte dann nur noch eines Attentats im Balkan, das Deutschland gar nichts anging, um die Katastrophe auszulösen (vergl. Christopher Clark: “Die Schlafwandler”).

Amerikas Ex-Finanzminister Henry Paulson hat das klar erkannt. Er sieht ein systemisches Risiko von monumentalem Ausmass

“nicht nur für die Weltwirtschaft, sondern für die Weltordnung, wie wir sie kennen, und für den Weltfrieden.”

Dabei werden wir nicht nur Zuschauer der abendlichen “Tagessschau” im Ohrensessel bei einem Glas Bier oder Wein sein. Da sind wir dann mitten drin.

3 Comments

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  • Brillante Analyse

    Und – was ist zu tun?

    Peter Schneider 3 Monaten ago Reply


    • Danke für das Kompliment!

      Die Gegenstrategie richtet sich danach, in welcher Position man sich konkret befindet:

      1. Was habe ich?
      2. Was habe ich zu verlieren?
      3. Welche Strategie passt zu meinem Naturell?

      Wir laden jeden ein, sich mit uns darüber individuell auszutauschen, um die massgeschneiderte individuelle Lösung gemeinsam zu erarbeiten.

      Wir haben ein breites Instrumentarium. Daraus wählen wir das Passende gemeinsam aus.

      Austauschen können wir uns beispielsweise als Einstieg über unser Kontaktformular, per Email (rg@internetkanzlei.to) oder über die Messenger App von Telegram (PrivacidadPanama) als auch über Signal (+50762543093).

      Ralph 3 Monaten ago Reply


  • Ausgezeichneter Artikel, der hilft, undurchdringliches Wirrwarr aufzudröseln und einen Gesamtüberblick über die derzeitige Situation unseres Planeten darzustellen.
    Danke aus der Dominikanischen Republik, wohin ich jetzt gehen würde, hätte ich es nicht schon vor 19 Jahren getan.

    IMME ROSWITHA DR ROSTOSKY 3 Monaten ago Reply


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