Libra – morsches Finanzsystem wird erschüttert

Download PDF

Libra – Facebook wagt es!

Nein, wir sind nicht Freunde von Facebook, WhatsApp und Instagram. Wir meiden diese Dienste, so weit es geht. Im privaten Umfeld mit Angestellten und Handwerkern etc. kommen aber selbst wir hier in Panama um WhatsApp nicht herum. Weltweit repräsentieren allein diese Dienste allmonatlich Nutzer von insgesamt 2,7 Milliarden Menschen. Das ist eine gewaltige Basis, auf die bereits am Start der neuen Internetwährung namens Libra aufgebaut werden kann.

Banken werden damit in ihrem Kerngeschäft bedroht.

Davor hatten sich viele Banken im Geheimen stets gefürchtet, darüber haben viele Zentralbanken in aller Stille nur in ihren internen Seminaren diskutiert:

“Was passiert, wenn einer der grossen US-Techkonzerne ernsthaft in das Geschäft mit dem mobilen Zahlungsverkehr einsteigt, eine eigene elektronische Währung ausgibt und womöglich gar selber zu einem Finanzdienstleister wird?”

Es sieht so aus, als wäre das jetzt geschehen:

Der Angriff auf das etablierte Finanzsystem.

In einem sogenannten Whitepaper – LibraWhitePaper_de_DE-1 – stellte Facebook am 18. Juni 2019 seine Pläne für die neue Internetwährung “Libra” vor. Sie soll bereits Anfang des kommenden Jahres 2020 an den Start gehen.

Um Monopolvorwürfen und Bedenken über Datenmissbrauch entgegenzutreten, lanciert der Konzern seine rein elektronische private Währung nicht allein als Facebook & Co., sondern über einen von einem grossen Unternehmensverbund getragenen Verein mit Sitz im schweizerischen Genf. Alles soll auf einer weltweit als Open Source geführten Blockchain-Plattform basieren, die allen offenstehen wird. Die Nutzer werden mit ihren Mobiltelefonen Libra-Guthaben in Sekundenschnelle praktisch gratis transferieren und mit diesen für Einkäufe einfach bezahlen können.

Facebook lanciert das Projekt nicht allein, sondern zusammen mit Partnerfirmen. Darunter befinden sich die Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard sowie die Zahlungsdienstleister Paypal und Stripe. Auch die Fahrdienstleister Uber und Lyft, das Hotel-Buchungsportal Booking.com und der Musikdienst Spotify mischen mit.
Großbanken stehen natürlich nicht auf der Liste der Gründungspartner.

Jeder der Partner soll zehn Millionen Dollar investieren, um die Entwicklung der neuen Kryptowährung zu finanzieren. Zum Libra-Start hofft der Konzern auf mehr als 100 Partnerschafts-Mitglieder. Diese müssen jeweils einen Marktwert von mindestens einer Milliarde Dollar oder mehr als 20 Millionen Kunden mitbringen.

Dank den

  • extrem vielen aktiven Nutzern der Facebook-Produkte,
  • den Hunderten Millionen Buchungen bei den ebenfalls beteiligten Internetfirmen “Booking” und “Uber”
  • sowie den unzähligen Händlern, die mit den Libra-Vereinsmitgliedern “Mastercard” und “Visa” zusammenarbeiten,

 

könnte die Nutzung der neuen digitalen Währung daher relativ rasch eine kritische Grösse erreichen.

Währungskurs-Stabilität soll der Libra – ähnlich wie früher die goldgedeckten Währungen – durch die vollständige Deckung durch Devisenanlagen erhalten, die einen definierten Korb von bestehenden Hartwährungen spiegeln. Dieser wohl recht stabile Kurs bestimmt dann den Wert der neuen Kryptowährung. Die Deckung des Libra erinnert an den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Letztlich entscheidend für den Erfolg des Projektes wird sein, ob die Nutzer dem neuen Angebot vertrauen und für wie praktisch sie es halten.
Erfahrungen in Schwellenländern wie China haben gezeigt, dass sehr benutzerfreundliche, kostengünstige Plattformen mit einer integrierten Funktion für elektronische Zahlungen das Einkaufsverhalten breiter Bevölkerungsschichten schnell ändern können. Konsumenten und Produzenten im Westen sind bisher vergleichsweise konservativ bei ihren Dollars, Euro und Franken geblieben. Aber das könnte sich dank der Macht der Libra-Betreiber relativ rasch ändern.

Um ihre Identität zu schützen, sollen Libra-Nutzer Pseudonyme verwenden und mehrere Konten führen dürfen. So sollen sich einzelne Geschäfte nicht ohne Weiteres realen Personen zuordnen lassen. Trotzdem soll Libra die geltenden Regeln für Geldwäscheprävention erfüllen, so die übliche Sprachregelung.

Und wie reagiert der Gegner?

Banken tun alles dafür die Bereitschaft der Menschen zu steigern, sich von ihnen abzuwenden. Die Gebühren werden beständig erhöht. Der Kunde wird bevormundet, in viele Länder werden Zahlungen nicht geleistet oder erst nach unzähligen Rückfragen. Regionen wie die Eurozone schotten sich nach aussen ab. Und das soll jetzt noch intensiviert werden: Die Bundesbank sprach sich am 17. Juni für ein neues europäisches Zahlverfahren aus. Angesichts des hohen Wettbewerbsdrucks auch durch Technologiekonzerne (!!!) sei die

„europäische Perspektive nicht nur eine Option, sondern ein Muss“,

heißt es im aktuellen panikgetriebenen Monatsbericht der Notenbank. Walter Ulbrichts Mauer vom 13.August wird in neuer Form statt mit Beton, Stacheldraht und Selbstschussanlagen diesmal digital und mit “Künstlicher Intelligenz” errichtet. Das fällt nicht ins Auge wie eine Mauer, und Otto Normalverbraucher bekommt das nicht einmal mit, so die Kalkulation dahinter.

Banken und weiche Währungen unter Druck

Wo sich das neue Libra-System durchsetzt, wird dies das Bankensystem erschüttern.
Denn der Zahlungsverkehr auf der Blockchain, auf der Libra basiert, kann mit Smart Contracts ohne Zwischenschaltung von Finanzinstituten und dadurch günstiger und schneller erfolgen. Sollten die Banken auf diese Weise einen wesentlichen Kundenkontakt verlieren, wird das ihre Geschäftsmodelle erst recht unter Druck setzen. Und käme es zu grossen Verlagerungen von Guthaben aus dem traditionellen Bankwesen in die Libra-Welt, könnte dies gar die Stabilität des ohnehin überkommenen Finanzsystems gefährden.

Spannend ist der Libra-Vorstoss schliesslich auch aus währungspolitischer Perspektive. Indem die neue E-Währung fest an einen Korb harter Währungen gebunden wird und die Beteiligten kein eigenes Geld schöpfen, wird Libra zwar keine eigene Geldpolitik betreiben. Aber mit der neuen, auf Stabilität ausgerichteten digitalen Weltwährung könnte doch eine private Parallelwährung entstehen, die das Potenzial hat, existierende Weichwährungen zu disziplinieren und Notenbanken vor allzu gewagten Experimenten abzuhalten. Mario Draghi dürfte froh sein, bald nicht mehr der EZB vorstehen zu müssen.

Es geht um einen Milliardenmarkt

Weltweit besitzt fast die Hälfte der Menschen kein Bankkonto. Nach Schätzungen der Weltbank haben Migranten ihren Angehörigen in der Heimat im vergangenen Jahr weltweit rund US-Dollar 689 Milliarden überwiesen. Sie greifen dabei häufig auf Zahlungsdienstleister wie Western Union oder Moneygram zurück, die für ihre Dienste teils hohe Gebühren verlangen.

Anfangs dürfte Libra vor allem für Überweisungen zwischen verschiedenen Währungen genutzt werden. Das ist schliesslich von grossem Interesse für alle, die noch international bzw. global denken und nicht in einem Rahmen, der den Horizont über die gewohnte Kirchturmspitze hinweg nicht übersteigt.

Eines Tages soll daraus aber auch ein vollwertiges Zahlungsmittel für alle Situationen werden, demnach auch für die Kirchturmsspitzen-Perspektivler.

Stimmen zum Libra Projekt:

„Der Facebook-Coin könnte ein echter Meilenstein in der Geldgeschichte sein“,

sagt Thorsten Polleit, Chefökonom von Degussa Goldhandel. Dank seiner tiefen gesellschaftlichen Durchdringung könnte das soziale Netzwerk Hunderte Millionen Menschen weltweit mit digitalem Bargeld in Berührung bringen – also auch jene, die bisher mit Krypto nicht viel am Hut hatten.

Spencer Bogart von der Risikokapitalfirma Blockchain Capital: Facebooks Anstrengungen hätten das Potenzial, der

„signifikanteste externe Beschleuniger für Bitcoin und die Krypto-Anwendung in der Geschichte der Technologie zu sein.”

Die Einführung von Libra könne ein

„Wendepunkt-Moment“

für das Unternehmen und für die globale Anwendung von Kryptowährungen werden, schreibt Mark Mahaney, Analyst von RBC Capital Markets.

Zahlungsexperte Graf rechnet der neuen Internetwährung vor allem dort Chancen aus, wo Facebook eine große Nutzerbasis hat, vorhandene staatliche Währungen aber stark schwanken. Das sei etwa in Entwicklungsländern der Fall.

„Dort könnte Libra zu einer einfachen und stabilen Möglichkeit für Zahlungen werden.“

Hartmut Giesen, Digitalexperte der Hamburger “Sutor Bank”:

“Das Facebook-Libra Projekt ist in Grösse, Anspruch und Erfolgswahrscheinlichkeit wegweisend und kann die Verbreitung von Kryptowährungen enorm beschleunigen.”

Fassen wir zusammen:

Die diversen Branchen im Libra-Netzwerk (Stand 18. Juni 2019)

  • Zahlungen: MasterCard, PayPal, PayU, Stripe und Visum
  • Technologie und Marktplätze: Buchungsbeteiligungen, eBay, Facebook/Calibra, Farfetch, Lyft, MercadoPago, Spotify AB sowie Uber Technologies, Inc.
  • Telekommunikation: Iliad und die Vodafone-Gruppe
  • Blockchain: Anchorage, Bison Trails, Coinbase, Inc., Xapo Holdings Limited
  • Risikokapital: Andreessen Horowitz, Ribbit Capital, Thrive Capital, Union Square Ventures
  • Gemeinnützige und multilaterale Organisationen und akademische Institutionen: Creaive Destruction Lab, Kiva, Mercy Corps, Women’s World Banking

 

Kryptowährungen, die von Banken lange misstrauisch beobachtet oder gar zur Gefahr erklärt wurden, stehen kurz davor, Mainstream zu werden. Libra bleibt zwar an Fiat-Währungen gebunden. Das neue digitale Zahlungsmittel verfügt aber über eine Eigenschaft, die sie fürs Finanz-Establishment brandgefährlich macht: Sie braucht die Banken als Intermediäre des Zahlungsverkehrs nicht mehr.

Noch aus einem weiteren Grund droht den Banken die “Disintermediation”.

Während führende Finanz-CEO die Bedeutung von Kryptowährungen kleinreden, fährt eine jüngere Kundengeneration auf Coins und Token ab. Hatte Studien zufolge nur einer von zwanzig über 45-jährigen schon Berührung mit Kryptowährungen, ist es bei den unter 35-jährigen jeder Vierte. Auch die Demographie wird so zum Treiber von Angeboten wie Libra.

Wir meinen: Es lohnt sich, peinlich genau zu beobachten, was da jetzt geschieht.

Schreiben Sie einen Kommentar