Ethischer & moralischer Zusammenbruch

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Lassen wir Giogio Agamben zu Wort kommen, der in der deutschen Presse weitgehend totgeschwiegen wird. Giorgio Agamben ist ein hochangesehener italienischer Philosoph und Autor und liesst den Verantwortlichen rund um die Corona Krise die Leviten – und auch uns selbst. Auszüge seiner Gedankengänge geben wir nachfolgend weiter:

Wie konnte es geschehen, dass ein ganzes Land im Angesicht einer Krankheit ethisch und politisch zusammenbrach, ohne dass man dies bemerkte?

Wo ist die Grenze, jenseits deren man nicht bereit ist, auf grundlegende Prinzipien zu verzichten?

Die Schwelle, welche die Menschlichkeit von der Barbarei trennt, wurde überschritten. Und zwar, ohne dass man dies bemerkt hätte oder indem man so tat, als würde man es nicht bemerken.

Drei Punkte

1.) Der erste und vielleicht schwerwiegendste Punkt betrifft die Körper der toten Personen. Wie konnten wir nur im Namen eines Risikos, das wir nicht näher zu bestimmen vermochten, hinnehmen, dass die uns lieben Menschen und überhaupt alle Menschen in den meisten Fällen nicht nur einsam sterben mussten, sondern dass ihre Leichen verbrannt wurden, ohne bestattet zu werden? Dies ist in der Geschichte von der mythischen griechischen Königstochter Antigone bis heute nie geschehen.

2.) Wir haben bedenkenlos hingenommen, wiederum nur im Namen eines nicht näher zu bestimmenden Risikos, dass unsere Bewegungsfreiheit in einem Ausmass eingeschränkt wurde, wie dies zuvor nie in unserem Land geschah, nicht einmal während der beiden Weltkriege (die Ausgangssperre galt damals für bestimmte Stunden). Wir haben also hingenommen, im Namen eines nicht näher zu bestimmenden Risikos die Pflege unserer Freundschafts- und Liebesbeziehungen einzustellen, weil unser Nächster zu einer möglichen Ansteckungsquelle wurde.

3.) Dies konnte geschehen – und hier berühren wir die Wurzel des Phänomens –, weil wir die Einheit unserer Lebenserfahrung, die immer zugleich körperlich und geistig ist, in eine bloss biologische Einheit einerseits und in ein affektives und kulturelles Leben anderseits aufgespalten haben. Der Philosoph und Theologe Ivan Illich hat gezeigt, welche Verantwortung der modernen Medizin an dieser Spaltung zukommt. Sie scheint sich von selbst zu verstehen, in Wirklichkeit ist sie aber die grösste aller Abstraktionen. Ich weiss, dass diese Abstraktion von der modernen Wissenschaft durch Wiederbelebungs-Apparate erreicht wurde, die einen Körper in einem Zustand des vegetativen Lebens zu erhalten vermögen.

Handelt es sich beim derzeit geltenden Regime der Repression nur um einen zeitlich begrenzten Zustand, nach dessen Ablaufen alles wieder sein werde wie zuvor? Wer das behauptet, tut dies wider besseres Wissen.

Denn dieselben Behörden, die den Notstand ausgerufen haben, erinnern uns ständig daran, dass dieselben Weisungen auch nach dem Ende des Notstands zu befolgen seien und dass das Social Distancing – ein vielsagender Euphemismus – das neue Organisationsprinzip der Gesellschaft darstelle. Das alles kann nunmehr nicht rückgängig gemacht werden.

Und was sagt die Kirche?

  • Die Kirche unter einem Papst, der sich Franziskus nennt, hat vergessen, dass Franziskus die Leprakranken umarmte.
  • Sie hat vergessen, dass eines der Werke der Barmherzigkeit darin besteht, die Kranken zu besuchen.
  • Sie hat vergessen, dass die Martyrien die Bereitschaft lehren, eher das Leben als den Glauben zu opfern,
  • und dass auf den eigenen Nächsten zu verzichten bedeutet, auf den Glauben zu verzichten.

 

Die Kirche hat sich zur Magd der Wissenschaft gemacht, welche mittlerweile zur neuen Religion unserer Zeit geworden ist.

Warum schweigen die Juristen?

Eine andere Kategorie von Leuten, die ihren Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden vermögen, sind die Juristen.

Wir sind seit geraumer Zeit an den leichtfertigen Gebrauch von Notverordnungen gewöhnt, durch die sich die Exekutivgewalt de facto an die Stelle der Legislativgewalt setzt und damit jenes Prinzip der Gewaltenteilung aushebelt, das unsere Verfassung definiert.

Aber jetzt wurde jede Grenze überschritten, und man hat den Eindruck, dass die Worte eines Ministerpräsidenten und von Chefs des Zivilschutzes unmittelbare Gesetzkraft haben, wie man dies einst von den Worten des Führers sagte.

Und man sieht nicht, wie entgegen allen Ankündigungen die Einschränkungen der Freiheit – nach Ablauf der zeitlichen Gültigkeit der Notstandsverordnungen – aufrechterhalten werden können.

Mit welchen juristischen Mitteln? Mit einem ständigen Ausnahmezustand?

Es ist die Aufgabe der Juristen, darüber zu wachen, dass die Regeln der Verfassung eingehalten werden, doch die Juristen schweigen.

“Quare siletis iuristae in munere vestro?”

(Warum schweigt ihr, Juristen, wenn es um eure Aufgabe geht?)

Es sei daran erinnert, dass Adolf Eichmann – offensichtlich in gutem Glauben (“buona fede”) – nicht zu wiederholen aufhörte, dass er, was er getan hatte, aufgrund seines Gewissens getan habe, um dem zu genügen, was er für die Gebote der kantischen Moral hielt.

Eine Norm, die besagt, dass man auf das Gute verzichten müsse, um das Gute zu retten, ist ebenso falsch wie die, welche verlangt, dass man auf die Freiheit verzichten müsse, um die Freiheit zu retten.

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